Stadtrundgang

Antifaschistischer Stadtrundgang in Stade

Am 4.11.2017 wird vor dem eh. Gebäude der Bezirksregierung erläutert, wie die Nationalsozialisten die Macht in Stade übernommen haben.
Das Stader Gerichtsgebäude. Am 1. Januar 1934 wurde hier das Erbgesundheitsgericht angegliedert.

 

Die Opfer des Nationalsozialismus auf der Stele vor der Wilhadi-Kirche. Kasimir Zarski wurde mit 14 Jahren als Zwangsarbeiter nach Stade verbracht und mit 18 Jahren getötet. – Die Führungen sind auch für Schulklassen sehr eindrucksvoll.

Der nächste Stadtrundgang findet statt

am Samstag, 11. Mai 2019 um 13:30 Uhr.

Reise in Stades braune Vergangenheit

 

Rosa-Luxemburg-Club Niederelbe informiert bei Führung über Schändung des jüdischen Friedhofs und Progrome in der Innenstadt.
Ein Tageblatt-Bericht von Daniel Beneke vom 22.01.2017.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Daniel Beneke: → zum Tageblatt-Archiv

STADE. Bewegende Einblicke in die Zeit des Nationalsozialismus gewährte der Rosa-Luxemburg-Club Niederelbe am Sonnabend bei zwei Führungen durch die Stader Innenstadt. Die Referenten Michael Quelle und Oliver Kogge nahmen die Besucher mit in die 1930er- und 1940er-Jahre. Mehrere Dutzend Bürger nahmen an den 90-minütigen Rundgängen teil. Der Rundgang startet vor dem jüdischen Friedhof in der Albert-Schweitzer-Straße, den Bürgermeister Carl August Nörtemann 1940 schänden ließ.

Die historischen Grabsteine lagerten drei Jahre lang auf dem Bauhof, berichtet Quelle. Die Nationalsozialisten nutzten sie für biografische Nachforschungen. Nörtemann wohnte nur wenige Hundert Meter entfernt, unweit der Klinik Hancken. Nach dem Krieg war er Mitglied des Rates und Vorsitzender des CDU-Bezirks Stade. Erst seit 2008 existiert eine Stele zum Gedenken an jene Menschen, deren letzte Ruhestätte die Nationalsozialisten zerstörten.

Referent Michael Quelle (links) vom Rosa-Luxemburg-Club schildert, wie der Nationalsozialismus die Stadtgesellschaft bestimmt hat. Foto Beneke

Rechte früh in Stade etabliert

Die Rechten hatten sich in Stade früh etabliert, erklärt Quelle. Bei den Reichstagswahlen 1933 bekam die NSDAP 46 Prozent der Stimmen. 1800 Mitglieder hatte sie im Stadtgebiet. Die SPD lag bei 34 Prozent, die KPD war mit einem Ergebnis von vier Prozent in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Im Zuge der Militarisierung entstand ein Fliegerhorst der Luftwaffe, die Bevölkerung wuchs rasch von 15 000 auf 17 000 Einwohner.

Weiter geht es gen Innenstadt. Das Gebäude der Polizeiinspektion in der Teichstraße beherbergte von 1931 an zunächst ein Krankenhaus. Auf dem Gelände entstanden die ersten Baracken zur medizinischen Versorgung von Zwangsarbeitern, erläutert der Referent und Kommunalpolitiker der Linkspartei. Er berichtet von Zwangsabtreibungen unter widrigen Umständen, die Kinder kamen in spezielle Heime. 65 Mädchen und Jungen kamen dort ums Leben. Weitere Lager für Zwangsarbeiter gab es an der Lederfabrik und am Hafen.

An der Harsefelder Straße macht die Gruppe an einer in den Fußweg eingelassenen Metallplatte Station. Der sogenannte Stolperstein erinnert an die jüdische Witwe Frieda Freudenstein, die bis 1940 in Stade lebte. Quelle schildert ihren Lebenslauf: Bei Hausdurchsuchungen nahmen ihr Schergen der Sturmabteilung (SA) Schmuck und Geld ab.
Sie musste nach Hamburg ziehen, kam von dort ins Konzentrationslager Theresienstadt und starb schließlich im Vernichtungslager Sobibor.

Wie stark die Stader Bürokraten in die Umsetzung des Rassewahns der Nationalsozialisten eingebunden waren, erfahren die Teilnehmer am ehemaligen Sitz der Bezirksregierung unweit des Bahnhofes. Von hier aus organisierten die Beamten die systematischen Tötungen von Behinderten im Rahmen des Programms zur „Vernichtung von unwertem Leben“, berichtet Quelle. 570 Opfer gab es alleine in den Rotenburger Anstalten, mindestens 90 von ihnen kamen aus dem Landkreis Stade.

 

Polnische Staatsbürger mussten ein „P“ auf ihre Kleidung nähen

 

Die nationalsozialistische Propaganda hatte längst das Stadtbild erfasst. Co-Referent Oliver Kogge hält ein Foto hoch, das Bürger beim Marsch unter der Hakenkreuz-Fahne zeigt. Außerdem liest er aus dem Tagebuch eines Fremdarbeiters vor, der mit dem Zug in Stade landete: Polen mussten ein „P“ auf ihre Kleidung nähen, Gefangene aus der Sowjetunion (umgangssprachlich Ostarbeiter genannt) ein „O“. Die Bahnhofstraße trug den Namen des Führers, Adolf Hitler. Der Pferdemarkt war SA-Frontmann Horst Wessel gewidmet.

An den Ortseingängen hingen Schilder mit der Aufschrift „Juden sind in Stade nicht willkommen“.
Weil er sich gegen die menschenverachtende Ideologie aussprach, jagten Angehörige der Schutzstaffel und Anwohner den evangelischen Geistlichen Johann Gerhard Behrens durch die Altstadtgassen, bespuckten und bepöbelten ihn. 300 Leute waren hinter ihm her. Heute ist er rehabilitiert, das Zentrum der Kirchengemeinde St. Wilhadi nach ihm benannt.

Beim Gang durch die Innenstadt erzählt Quelle, dass der Reichspogromnacht 1938 auch jüdische Geschäfte in Stade zum Opfer fielen: unter anderem ein Süßwarenladen, eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Bankhaus. Vor den steinernen Stelen, die am Platz Am Sande an die Toten des Schreckensregimes erinnern, hält der Tross inne. Seit 1933 waren 32 Mann einer Hilfspolizei in der Stadt, sagt der Referent. Sie wohnten in der Jugendherberge und setzten vor allem den Gewerkschaften zu.

Im Gerichtsgebäude saßen bei politisch motivierten Prozessen auch Kommunisten aus Harburg, dem Alten Land und Buxtehude auf der Anklagebank, berichtet Quelle. Sie kamen wegen Hochverrats monatelang ins Zuchthaus. „Wer den nationalsozialistischen Staat bekämpft, hat sich das selbst zuzuschreiben. Er steht außerhalb der Volksgemeinschaft“, zitiert Kogge einen nationalsozialistischen Juristen.

Eindringlich und prägnant schildern Quelle und Kogge die Gräuel der 1930er und 1940er Jahre. Mit Hilfe von Fotos, Zeitzeugenberichten und Zeitungsausschnitten lassen sie die Zeit des Nationalsozialismus lebendig werden. Reichlich Gesprächsstoff für das Abschlusstreffen in der Gaststätte Coffeehus.


Stade aus einer ganz anderen Perspektive

Ein Bericht von Lehrerinnen und Lehrern in derGEW

Michael Quelle hält ein Foto von Pastor Behrens in der Hand. Im September 1935 wurde Pastor Behrens von SS-Männern auf der Straße abgefangen und misshandelt. Man hängte ihm ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich bin ein Judenknecht!“ um und zerrte ihn durch die Stadt, begleitet von einer jubelnden Masse. Pastor Behrens hatte sich im Konfirmandenunterricht kritisch über den Nationalsozialismus geäußert.

 

Der GEW-Kreisverband Stade bot am 9.9.2017 einen ganz besonderen Stadtrundgang an. 15 Kolleginnen und Kollegen trafen sich an dem Samstag am jüdischen Friedhof in Stade. Ziel des Rundgangs war es allerdings nicht, Stade aus einer touristischen Perspektive zu erkunden, sondern die Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Stade aufzuzeigen.

Michael Quelle, der viele Jahre ehrenamtlich intensiv recherchiert und zahlreiche Texte zu diesem Thema veröffentlicht hat, führte die Gruppe an Orte, an denen Opfer der NS-Politik gelebt oder öffentliche Gewaltakte stattgefunden haben. Oliver Kogge veranschaulichte den Vortrag durch das Rezitieren von Quellen – persönliche Briefe von Zeitzeugen, Tagebucheinträge, Aktenvermerke oder Zeitungsberichte.

Gerade dieses Zusammenspiel von Vortrag und Quellenzitaten vor Ort führte zu einer großen Betroffenheit bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Kaum jemand aus der Gruppe hat vorher geahnt, welche Ausmaße die schrecklichen Taten der Nationalsozialisten in Stade hatten. Nicht nur in den größeren Städten, sondern auch in ländlichen Gebieten und kleineren Städten haben viele Menschen den Nationalsozialismus mitgetragen. So erreichte etwa die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1933 einen Stimmenanteil von fast 47%, der Partei gehörten zu jener Zeit ca. 1800 Mitglieder an (Einwohnerzahl Stade 1933: 14.852).

Die Gewalttaten hatten nicht nur einen antisemitischen Hintergrund. Der Anteil der jüdischen Bevölkerungsgruppe war in Stade um 1933 mit 30 Personen eher gering, viele waren zuvor schon ausgewandert oder in die Großstädte gezogen. Betroffen waren auch politisch Andersdenkende, Menschen mit Behinderungen, Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter sowie Kriegsgefangene.

Bis zu 1000 Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter mussten damals in Stade leben, im ganzen Landkreis waren es sogar 7000 Menschen. Diskriminierungen gehörten zu ihrem Alltag: Sie durften sich nicht frei bewegen und wurden ständig beaufsichtigt, ihre Mahlzeiten durften sie nur getrennt von der deutschen Bevölkerung einnehmen und es durfte keinen Kontakt außerhalb der Arbeit zu Deutschen geben. Schwangere Zwangsarbeiterinnen wurden entweder zur Abtreibung genötigt oder die Säuglinge in „fremdländische Kinderheime“ gebracht, wo sie nach wenigen Tagen aufgrund fehlender Versorgung starben.
Durch die Recherchearbeit Michael Quelles haben die Opfer der Nationalsozialisten wieder eine Identität erlangt. Viel zu lange hat man in Stade zu diesem Thema geschwiegen oder sogar eine Erinnerung an dieGeschehnisse verhindert. Dass Erinnerungsarbeit aber immer noch wichtig ist, wird durch die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in der Politik und Gesellschaft deutlich.

Dieser Stadtrundgang eignet sich besonders gut auch für Schulklassen, die das Thema gerade im Unterricht behandeln.
Kontakt zu Michael Quelle ist über seine Internetseite möglich www.michael-quelle.de
Lemar Nassery

Der nächste Stadtrundgang findet statt

am Samstag, 11. Mai 2019 um 13:30 Uhr.

Der Rundgang beginnt am jüdischen Friedhof Ecke Albert-Schweitzer-Str./Bleicherstraße und dauert 1 Std. 30 Min., Abschlussgespräch im Café

Anmeldungen bitte unter rosa-lux@gmx.net

Die Gedenktafel vor der Wilhadi-Kirche und die Stelen am Sande