Schneeclaus 2019

60 Teilnehmer gedachten am 18. März 2019 Gustav Schneeclaus und legten Rosen nieder. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Jugenorganisation Falken Nordniedersachsen OV Niederelbe.
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Das BT online meldet am 25. März 2019:

BUXTEHUDE. Der Arbeitskreis Gustav Schneeclaus und der Ortsverband der Falken Niederelbe beklagen eine Störung ihres diesjährigen Gedenkens an Gustav Schneeclaus. Am Mahnmal wurden Blumen und Tafeln entwendet. Weiterlesen unten…

Rede der Falken OV Niederelbe am 11. März 2019

Hier und heute, vor 27 Jahren, wurde Gustav Schneeclaus von zwei Neonazis angegriffen und so stark verletzt, dass er 4 Tage später am 22.3.1992 im Krankenhaus starb. Die Tat reihte sich damals ein, in eine ganze Welle schwerster Gewalttaten, welche aus rassistischen und antisemitischen Beweggründen begangen wurden.

Die beiden Täter Stephan Kronbügel und Stefan Silar waren dabei nur zwei Gestalten in einem viel größerem Komplex. Denn die Tat kam keineswegs aus dem Nichts. Und damit meinen wir nicht nur die verwandten Geschehnisse im ganzen Bundesgebiet. Auch lokal, vor Ort in Buxtehude, hätte man die Gefahr viel früher erkennen müssen. Anfang der 90er Jahre war Buxtehude als Hochburg der Neonaziszene im Kreis Stade bekannt. Einerseits aufgrund von Aktionen: Propagandaaktionen und Gewalttaten, die sich häuften. Andererseits, weil bereits seit 1991 sowohl der Zug- als auch der Busbahnhof von Buxtehude zu Treffpunkten der Naziskins geworden waren.

Dem entgegengewirkt hat kaum jemand. Zwar finden sich abfällige Bemerkungen über diese Gang, in den Zeitungen jener Zeit, jedoch wird dort bis zur Attacke auf Gustav Schneeclaus kein Wort über die vertretene Ideologie, die verbreitete Menschenfeindlichkeit verloren.
Stattdessen werden sie als unpolitische Rowdys bezeichnet. Als Bedrohung empfand man sie nicht. Zu Recht, denn gefährlich war die neonazistische Gang vor allem für jene, welche die wiedervereinigten Deutschen als Fremde, als ungewollte, als Sündenböcke markierten: Gastarbeiter*innen und Geflüchtete. Wenn die Naziskins um den späteren Bombenleger von Veddel, Stephan Kronbügel also mal wieder am Bahnhof rumpöbelten, ging mal halt einfach einen Schritt schneller. Das eigentliche Ziel waren ja nicht weißdeutsche Bürger und Bürgerinnen, sondern jene, die man ohnehin aus dem Land haben wollte. Neben nicht-weißen Menschen waren dies Arbeitsunwillige, Linke, Punks und Obdachlose. Viele Gewalttäter fühlten sich wohl nicht zu Unrecht als „Vollstrecker des Volkswillen“.

Gustav Schneeclaus war ein ehemaliger Kapitän. Der damals 53-jährige war lange Jahre als Kapitän von Küstenmotorschiffen zur See gefahren, bis er sich in Buxtehude niederließ. Von seiner Freundin war er am morgen aufgebrochen um etwas Geld von der Bank abzuheben. Später traf er am Busbahnhof auf die Naziskins. Sie alle tranken Alkohol. Über Gustavs Seefahrtsgeschichten kamen sie wohl ins Gespräch, schwatzen eine Weile, bis das Gespräch eine politische Wendung nahm. Sie kamen auf Krieg und Nationalsozialismus zu sprechen. Direkt gerieten sie aneinander. Die Neonazis verteidigen das 3.Reich und das Nazitum der Deutschen. Schneeclaus hält dagegen und schmäht den Führer. Er sagt: „Hitler war ein großer Verbrecher!“ Im Angesichts der betrunkenen, gewaltbereiten Neonaziskins eine couragierte Aussage. Und genau diese Widerrede, diese Worte, die so offensichtlich wahr und richtig waren, sind für den 25-jährigen Kronbügel Grund loszuschlagen. Er und der 19-jährige Silar prügeln ihn von der Bank des Wartehäuschens, in welchem sie noch Minuten zuvor gemeinsam geschwatzt und getrunken hatten.

Als er blutend am Boden liegt verschwinden sie zunächst mit dem Auto. Doch eine Dreiviertelstunde später kehren sie zurück – bewaffnet mit einem Kantholz. Der Kapitän Schneeclaus hat noch nicht genug gelitten, er soll ausgelöscht werden und mit ihm seine Kritik, seine Widerrede, seine Schmähungen von Volk und Führer. Mit dem Kantholz schlagen sie auf ihn ein, mit ihren Stiefel treten sie zu, auf Kopf und Körper. Der 19-jährige Silar springt unter den Anfeuerungsrufen von Kronbügel auf
Gustavs Körper herum. Die Neonazis geben sich größte Mühe den Mord zu vollenden. Irgendwann während dieser Tortur fällt Gustav Schneeclaus ins Delirium und bleibt so bis Mitternacht am  Busbahnhof liegen. Von einem Kameraden lassen Stephan Kronbügel und Stefan Silar sich nach Hamburg fahren. Der Fahrer setzt später einen Anonymen Notruf ab. Daraufhin wird Gustav Schneeclaus ins Krankenhaus eingeliefert. Er ist unterkühlt und trotz schwerster Verletzungen noch am Leben. Blutergüße und Prellungen am gesamten Körper, Vier gebrochene Rippen, ein Schädelbruch, sowie ein abgerissenener Halswirbel. Zunächst scheint er sich zu erholen, doch in den frühen Morgenstunden des 22.3.1992 stirbt Gustav Schneeclaus an Herz-Kreislaufversagen.

Da Jacke und Portmonee fehlten gingen die Ermittlungsbehörden zunächst von einem Raubüberfall aus, doch die Täter überführen sich selbst. Nicht aus Reue, sondern unabsichtlich, aus Stolz. Am Tatort prahlen sie vor ihrer Gang im Angesicht der Blutlache. Vor Gericht sind sie dann auch schnell geständig. Kronbügel meint: „Ich konnte sein Gelaber nicht mehr ertragen!“. Schneeclaus habe provoziert, behauptet Hitler sei Österreicher, kein Deutscher gewesen. »Die haben einen umgeklatscht, weil er zu viel gesülzt hat«, fasst es ein Gangmitglied vor Gericht zusammen. „Wir haben einen platt gemacht, […], der vielleicht auch tot ist”, prahlten sie direkt nach der Tat vor ihren Kameraden.

Trotz allem fordert die Staatsanwaltschaft nur Körperverletzung mit Todesfolge, eine Tötungsabsicht wollte sie nicht erkennen. Mord aus niedrigen Beweggründen, so hätte das einzig richtige Urteil damals lauten müssen und so lautete auch zunächst die Anklage. Doch die Richter urteilten letztendlich auf Totschlag. Einen Menschen umzubringen, weil er Adolf Hitler kritisierte war wohl nicht barbarisch genug. 8 1/2 Jahre bekam Stephan Kronbügel, 6 Silar. Zu Kronbügel möchte ich jetzt nicht mehr viel erzählen, denn um seine Person und seinen weiteren Werdegang wird es nachher im Vortrag noch ausführlich gehen.

Stattdessen noch ein paar Worte zu Silar. Im Gefängnis knüpfte er wohl Kontakte zu weiteren organisierten Neonazis. Seine Gesinnung festigte sich während der Haft nur, wurde er Anfang 1998 auf Bewährung entlassen, wohl wegen günstiger Sozialprognose. Kaum auf freiem Fuß wurde er auf Jahre einer der Führungskader der norddeutschen Neonaziszene. So wurde Silar Führer der „Sektion Nordmark“ von Blood & Honour, dem Neonazinetzwerk, welches 2000 verboten wurde und bis heute fortbesteht. Regionale Bekanntheit erlangte er vor allem ab 2005, mit der Eröffnung von „Streetwear Tostedt“ eines Ladens für Neonazibekleidung, sowie angeschloßenem Webshop. Parallel wurde damals versucht in der Region eine „National befreite Zone“ zu etablieren, also eine No-Go-Area für alle Feinde der Neonazis.

Erst im Zuge der Antifa-Kampagne “Landfriedensbruch”, 2011, wurde es ruhiger in und um Tostedt. Der Laden ist geschloßen und selbst der Webshop mittlerweile offline. Sicherlich haben sich die Nazis, welche sich damals um Silar organisierten nicht in Luft aufgelöst; die Bedrohungslage ist jedoch definitiv eine andere. Entwarnung kann es deshalb aber leider nicht geben, auch weil die Aussicht auf eine solidarische und freie Gesellschaft heute so bedroht ist, wie lange nicht. Denn auch hier im Landkreis sitzen schon seit Jahren Sexisten, Rassist*innen und Antisemiten in den Kreistagen und Stadträten. Die Faschistinnen sitzen wieder in den Parlamenten. Von dort treten sie an Freiheitsrechte einzuschränken und das Völkische wiederzubeleben.

Schließen möchte ich deshalb mit einem Aufruf an euch, aktiv und laut einzutreten für eine freie und solidarische Gesellschaft, denn: Erinnern heißt Kämpfen!
Danke für eure Aufmerksamkeit.

Die Gedenktafel am Gustav-Schneeclaus-Platz 1 in Buxtehude

Buxtehuder Tageblatt am 26. März 2019:

Eigentlich hätten Blumen und Tafeln bis zum 22. März als individuelles, stilles Gedenken dort stehenbleiben sollen. Aber die Tafeln wurden abgerissen und mitsamt den Blumen entwendet. Von der Stadt Buxtehude war das Aufstellen „ausdrücklich geduldet“, wie Ordnungsamtsleiter Thorsten Gloede erklärt. Der Arbeitskreis Gustav Schneeclaus und die Falken gehen davon aus, dass Unbekannte das Arrangement mutwillig zerstört haben. „Wir verurteilen die pietätlose Zerstörung der Gedenkstätte und bitten die Angehörigen und alle, die individuell gedenken wollten, um Entschuldigung, dass wir in diesem Jahr keinen würdigen Rahmen bieten konnten“, schreiben sie in einer Pressemitteilung.